Lungengewebeschnitte in der wehrmedizinischen Toxikologie:
Vom âLungengummibĂ€rchenâ zum hochfunktionellen PrĂ€zisionslungenschnitt
Lung Tissue Sections in Military Medical Toxicology: from âLung Gummy Bearsâ to Highly Functional ÂPrecision-Cut Lung Slices
Fee Gölitz a,b, Julia Herbertc, Franz Woreka, Timo Willea
aInstitut fĂŒr Pharmakologie and Toxikologie der Bundeswehr, MĂŒnchen
b Walther-Straub-Institute fĂŒr Pharmakologie and Toxikologie, Ludwig-Maximilians-UniverstĂ€t, MĂŒnchen
c Department of Pharmacology and Toxicology, Ernest Mario School of Pharmacy, Rutgers University, Piscataway, NJ, USA
Zusammenfassung
Expositionen mit Organophosphat-Nervenkampfstoffen (OP-NK) sind eine reale Gefahr fĂŒr Soldaten und Soldatinnen sowie die Zivilbevölkerung. OP-NK hemmen die Acetylcholinesterase (AChE) und fĂŒhren zu einem Acetylcholin (ACh)-Ăberschuss. Dies kann eine cholinerge Krise mit Bronchokonstriktion und Atemnot auslösen und bis zum Tod fĂŒhren. Trotz der seit Jahrzehnten bestehenden Behandlungsmöglichkeit durch eine Triple-Therapie bestehend aus Oximen, Atropin und Benzodiazepinen bleibt insbesondere die Wirksamkeit der AChE-Reaktivatoren begrenzt. Um neue therapeutische AnsĂ€tze zu erforschen, wurden PrĂ€zisionslungenschnitte (Precision-Cut Lung Slices, PCLS) als Modell eingesetzt, welche Experimente auf molekularer und funktioneller Ebene erlauben.
In dieser Arbeit wurde erstmals die AChE-AktivitĂ€t in intaktem Lungengewebe mittels eines enzymatischen, kolorimetrischen Assay (modifizierter Ellman-Assay) bestimmt. Zudem wurden die Auswirkungen von OP-NK und AChE-Reaktivatoren auf die Atemwege mittels Videomikroskopie untersucht. Die Ergebnisse zeigen eine starke Korrelation zwischen der Wiederherstellung der AChE-AktivitĂ€t und der funktionellen Verbesserung der Atemwege. Dies macht PCLS zu einem vielversprechenden Modell, mit dessen Hilfe neue, wirksamere Reaktivatoren entwickelt werden können, auĂerdem kann die Verwendung von PCLS Tierversuche reduzieren.
SchlĂŒsselwörter: Organophosphat-Nervenkampfstoffe, Acetylcholinesterase, PrĂ€zisionslungenschnitte, Oxime, Ellman-Assay
Summary
Exposure to organophosphate nerve agents (OPNA) poses a danger to soldiers and civilians. OPNA inhibit acetylcholinesterase (AChE), leading to bronchoconstriction, respiratory distress, a cholinergic crisis, and even death due to the resulting acetylcholine (ACh) overflow. Despite the treatment option of triple therapy with oximes, atropine, and benzodiazepines, which have been available for decades, the efficacy of AChE reactivators remains limited. Precision-cut lung slices (PCLS) were used to explore new therapeutic approaches as a model that allows experiments at the molecular and functional levels [4].
In this study, AChE activity in intact lung tissue was determined for the first time using an enzymatic, colorimetric assay (modified Ellman assay). In addition, the effects of OPNA and AChE reactivators on the airways were investigated using video microscopy. The results show a strong correlation between the restoration of AChE activity and the functional improvement of the airways. This makes PCLS a promising model for the development of new, effective reactivators and leads to a reduction of animal testing.
Keywords: organophosphate nerve agents; acetylcholinesterase; precision-cut lung slices; oxime; Ellam-assay
Einleitung
Organophosphat-Nervenkampfstoffe (OP-NK) sind eine erhebliche Bedrohung fĂŒr die Gesundheit und Sicherheit von Soldaten und Soldatinnen sowie der Zivilbevölkerung â Giftgas-Attacken und AnschlĂ€ge der letzten Jahre in Syrien, GroĂbritannien und Russland unterstreichen dies [2][9][11]. Die toxische Wirkung der OP-NK beruht auf der Hemmung der AChE, was zu einem Ăberschuss an Acetylcholin (ACh) fĂŒhrt [1][6]. Eine daraus resultierende cholinerge Krise kann unbehandelt tödlich verlaufen [5]. Die Behandlung erfolgt derzeit mit einer Kombination aus Oximen (AChE-Reaktivatoren), Atropin (muskarinerger Antagonist) und Diazepam (antikonvulsives Benzodiazepin) [7]. Diese Triple-Therapie ist jedoch nicht fĂŒr alle OP-NK ausreichend wirksam. Vor allem die verwendeten AChE-Reaktivatoren sind nicht immer effektiv genug (Spektrum der OP-NK und Geschwindigkeit der Reaktivierung). Ferner gibt es immer neue OP-NK, die zum Teil auch mit Hilfe kĂŒnstlicher Intelligenz entwickelt werden [10]. Dies zwingt die therapeutische Forschung, neue effektivere Breitspektrum-AChE-Reaktivatoren zu entwickeln. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, sind innovative Lungen-Testmodelle erforderlich. PCLS bieten als ex vivo-Modell eine vielversprechende Möglichkeit, potenzielle Reaktivatoren effizient und ethisch vertretbar zu untersuchen (Abbildung 1).
Abb. 1: Schematischer Ăberblick in 5 Stufen: Die Stufen 1â4 reichen von der Ratte zum PrĂ€zisionslungenschnitt (Precision-Cut Lung Slice, PCLS). Ab Stufe 5 können sowohl die AChE-AktivitĂ€t als auch die AtemwegsfunktionalitĂ€t bestimmt werden. (Diese Abbildung wurde mit BioRender erstellt.)
Methodik
PCLS-PrÀparation
Nach der Entnahme der Rattenlunge wird diese ĂŒber die Trachea mit einer Agarose-Lösung befĂŒllt und anschlieĂend gekĂŒhlt gelagert, sodass die Agarose aushĂ€rtet. Aus der Lunge werden anschlieĂend Stanzen mit einem Durchmesser von 8 mm prĂ€pariert. Diese werden mit einem Krumdieck-Tissue-Slicer in 250 ”m dĂŒnne PCLS geschnitten, die nach mehreren Wasch- und Inkubationsschritten am Folgetag fĂŒr Experimente bereit sind. Aus einer Rattenlunge können dabei bis zu 200 PCLS gewonnen werden.
Bestimmung der AChE-AktivitÀt
Ein modifizierter Ellman-Assay wurde erstmals eingesetzt, um die AChE-AktivitĂ€t in intaktem Gewebe zu bestimmen [3][13]. Je 4 PCLS pro Messung wurden erst verschiedenen OP-NK (Sarin, Cyclosarin und VX; je 1 ”M) ausgesetzt und dann mit 3 Reaktivatoren behandelt: den Oximen Obidoxim und HI-6 (je 30 ”M) sowie dem experimentellen Nicht-Oxim NOX-6 (100 ”M). Es erfolgten sowohl kontinuierliche als auch diskontinuierliche Messungen, um die AChE-AktivitĂ€t nach den verschiedenen Behandlungen zu bestimmen. Die FarbumschlĂ€ge wurden photometrisch bei 37°C und 436 nm WellenlĂ€nge ĂŒber mehr als 30 min quantifiziert, um so die AChE-AktivitĂ€t zu messen. Je stĂ€rker der Farbumschlag war, desto höher war auch die AChE-AktivitĂ€t.
Funktionelle Analyse der Atemwege
Die Auswirkungen von Sarin und Cyclosarin (je 1 ”M) sowie der anschlieĂenden Behandlung mit Obidoxim (30 ”M) auf die Atemwegsbereiche wurden mittels ÂVideomikroskopie dokumentiert und quantifiziert. Die Messbedingungen wurden analog zu denen der AChE-AktivitĂ€tsbestimmungen gewĂ€hlt. Ănderungen der AtemwegsflĂ€che vor und nach der Exposition sowie nach der Behandlung wurden ĂŒber mehr als 30 min gemessen und miteinander verglichen.
Ergebnisse
Molekulare Ebene: AChE-AktivitÀt
Die AChE-AktivitĂ€t wurde durch die OP-NK-Exposition stark gehemmt (â€12 ± 2 %). Die Reaktivierung variierte je nach OP-NK und Reaktivator:
- Sarin (GB): Obidoxim 83,0 ± 6,5 %, HI-6 64,4 ± 0,7 %
- VX: Obidoxim 70,7 ± 2,5 %, NOX-6 53,3 ± 3,7 %, HI-6 50,7 ± 1,2 %
- Cyclosarin (GF): Obidoxim 12,0 ± 2,4 %, HI-6 15,4 ± 2,7 %
Die Ergebnisse stehen im Einklang mit bereits veröffentlichten Daten zu isolierter AChE [12]. Dies unterstreicht die VertrauenswĂŒrdigkeit von PCLS als neue Plattform fĂŒr das Screening von Reaktivatoren.
Funktionelle Ebene: AtemwegsverÀnderungen
Videomikroskopie-Untersuchungen zeigten nach Exposition der PCLS mit Sarin und Cyclosarin signifikante Verengungen der Atemwege (†13 ± 4 %). Nach Obidoxim-Behandlung öffneten sich die Atemwege, und zwar unterschiedlich stark, je nach OP-NK-Exposition. Beispielsweise wurden Sarin-exponierte Atemwege durch Obidoxim deutlich erweitert (73.6 ± 6.5 %), wÀhrend Cyclosarin-exponierte Atemwege sich nicht regenerierten.
Korrelation zwischen molekularer und funktioneller Ebene
Die Vergleiche der ĂŒber 30 min gemessenen Ergebnisse auf molekularer (AChE-AktivitĂ€t) und funktioneller (VerĂ€nderung der AtemwegsflĂ€chen) Ebene wiesen eine starke Korrelation auf, was die Aussagekraft des Modells unterstreicht.
Steigung % der prozentualen AChE-AktivitÀt:
- Sarin (GB)/Obidoxim (OBI) = 2,8
- Cyclosarin (GF)/Obidoxim (OBI) = 0,3
Steigung % der ursprĂŒnglichen AtemwegsflĂ€che:
- Sarin (GB)/Obidoxim (OBI) = 1,9
- Cyclosarin (GF)/Obidoxim (OBI) = 0
Diskussion
Die Ergebnisse zeigen, dass PCLS ein robustes und vielseitiges Modell fĂŒr die Untersuchung von AChE-Reaktivatoren sind. Der Einsatz von PCLS ermöglicht eine prĂ€zisere Untersuchung sowohl auf molekularer als auch auf funktioneller Ebene und reduziert die Anzahl an Tierversuchen. Die Daten bestĂ€tigen die Robustheit des Systems. PCLS bieten die Möglichkeit, neue Reaktivatoren effektiv und zuverlĂ€ssig zu evaluieren. In Zukunft sollte die Nutzung von humanen PCLS (hPCLS) erwogen werden, um zu evaluieren, ob es speziesbezogene Unterschiede gibt; mit hPCLS lieĂe sich die Anzahl der Tierversuche noch weiter reduzieren.
Fazit
PrÀzisionslungengewebeschnitte sind ein vielversprechendes Lungen-Modell zur Untersuchung von AChE-Reaktivatoren und tragen zur Reduktion von Tierversuchen bei. Eine besondere Rolle spielt hier das 3R-Prinzip (Reduction, Refinement, Replacement) [8]. Die beobachtete Korrelation zwischen der AChE-AktivitÀt und der Reaktion der Atemwege legt nahe, dass neben muskarinergen Antagonisten auch Reaktivatoren eine potenzielle Rolle bei der Behandlung der lebensbedrohlichen Atemwegsverengung infolge von OP-NK-Expositionen spielen könnten.
Finanzierung und Förderung
Diese Arbeit wurde unterstĂŒtzt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (GRK 2338, Targets in Toxicology); Projekt P02 (an T.W. und F.W.); F.G. erhielt ein Promotionsstipendium im GRK 2338.
Literatur
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- Ellman GL, Courtney K. D., Andres V., et al: A new and rapid colorimetric determination of acetylcholinesterase activity. Biochem Pharmacol 1961; 7: 88â95. mehr lesen
- Gölitz F, Herbert J, Worek F, et al: AChE reactivation in precision-cut lung slices following organophosphorus compound poisoning. Toxicol Lett 2024; 392:75â83. mehr lesen
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- Worek F, Reiter G, Eyer P, et al.: Reactivation kinetics of acetylcholinesterase from different species inhibited by highly toxic organophosphates. Arch Toxicol 2002; 76(9): 523â529. mehr lesen
- Worek F, Eyer P, Thiermann H: Determination of acetylcholinesterase activity by the Ellman assay: a versatile tool for in vitro research on medical countermeasures against organophosphate poisoning. Drug Test Anal 2012; 4(3-4): 282â291. mehr lesen
Manuskriptdaten
Zitierweise
Gölitz F, Herbert J, Worek F, Wille T: Lungengewebeschnitte in der Wehrmedizinischen Toxikologie: Vom âLungengummibĂ€rchenâ zum hochfunktionellen PrĂ€zisionslungenschnitt. WMM 2025; 69(1â2): 13-15.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-389
FĂŒr die Verfasser
Oberstarzt Prof. Timo Wille
SanitÀtsakademie der Bundeswehr
Abteilung Medizinischer ABC-Schutz
Neuherbergstr. 11, 80937 MĂŒnchen
E-Mail: timowille@bundeswehr.org
Manuscript Data
Citation
Gölitz F, Herbert J, Worek F, Wille T: [Lung Tissue Sections in Military Medical Toxicology: from âLung Gummy Bearsâ to Highly Functional Precision-Cut Lung Slices] WMM 2025; 69(1â2): 13-15.
DOI: https://doi.org/10.48701/opus4-389
For the Authors
Colonel (MC) Prof. Dr. Timo Wille, MD
Bundeswehr Medical Academy
Department for Medical NBC Protection
Neuherbergstr. 11, D-80937 MĂŒnchen
E-Mail: timowille@bundeswehr.org